Ich lag seit zwei Stunden im Toten Meer und wollte nicht raus.
Nicht aus Genuss — obwohl es das auch war. Sondern weil ich verstanden hatte, dass ich hier nicht sinken kann. Dass das Wasser mich trägt, egal was ich tue. Ich konnte mich zusammenrollen, die Arme verschränken, die Augen schließen — es änderte nichts. Der Körper blieb oben.
Ich bin jemand, der kontrolliert. Das ist keine Tugend, es ist eine Angewohnheit, die ich so früh erworben habe, dass ich sie lange nicht gesehen habe. Jedes Gespräch leicht gelenkt. Jede Situation leicht gemanagt. Der Körper in der richtigen Haltung, die Stimme im richtigen Ton.
Im Toten Meer geht das nicht. Du gibst auf, oder du kämpfst gegen Auftrieb — was anstrengender ist als Sinken.

Ich habe irgendwann aufgehört zu kämpfen. Einfach so. Der Körper hat sich flach gemacht, die Arme ausgestreckt, der Kopf zurück. Über mir ein weißer Himmel. Unter mir dreiunddreißig Prozent Salz.
Getragen werden ist ein anderes Gefühl als schwimmen. Man tut nichts dafür. Man ist einfach da, und das reicht.
Ich habe das vergessen, sobald ich wieder an Land war. Aber manchmal erinnere ich mich daran, wenn ich merke, dass ich wieder zu viel halte.
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